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Strukturelle Schwächen und Figurenaktivität

Jiganchine,R - Wright,S [B02]

Canadian Open Richmond, Vancouver CAN (7), 09.07.1999

1.e4 Sf6 2.Sc3 d5 3.exd5 Sxd5 4.Lc4 Sb6 5.Lb3 Sc6 6.Sf3 Lf5 7.0-0 e6 8.d4 Le7 9.Lf4 0-0 10.d5 exd5 11.Sxd5 Sxd5 12.Dxd5 Dxd5 13.Lxd5 Tfd8 14.Lb3 Ld6 15.Lxd6 Txd6 16.Tad1 Tad8 17.c3 Ld3 18.Tfe1 Sa5 19.Se5 Sxb3 20.Txd3 Txd3 21.Sxd3 Kf8 22.Se5 Sc5 [DIAGRAMM]









Weiß am Zug

Wir beurteilen die Stellung nach folgendem Schema:

  1. Drohungen gegen den König oder andere Figuren ?
  2. Materialverteilung ?
  3. Bauernformation, d.h. Sprengzüge, Schwächen, Bildung von Freibauern etc. ?
  4. Wie ist die Position ? (Raumvorteil, Entwicklungvorteil, bessere Figurenfelder) ?

Bei symmetrischen Bauernformationen ohne Zentrum sind Entwicklungsvorsprung, Figurenaktivität und Figurenposition entscheidende Kriterien.

Türme auf der siebten bzw. zweiten Reihe sind starke Pluspunkte - sie hemmen, bedrohen und gewinnen Material.

Wir stellen fest: Kein König, keine Figur direkt bedroht, doch Weiß hat eine - allerdings einzügig zu behebende - Grundreihenschwäche. Das Material ist gleich, die Bauernformation symmetrisch und ohne Zentrum (Was heißt, daß das Figurenspiel zentral ist). Weiß hat eine kleine Bauernschwäche. Zur Position stellen wir fest, daß die zweite Reihe von Weiß ungedeckt ist - ein Turm droht sich auf d2 einzunisten. Addieren wir die Kriterien, so muß Schwarz zumindest Vorteil haben.

Weiß muß sowohl einem Doppelangriff mittels Sa4 als auch einer dauerhaften Besetzung der zweiten Reihe durch den schwarzen Turm begegnen. Zur Analyse:

In der Partie geschah 23.Sf3? was das Einbruchsfeld d2 vorerst deckt. Was aber bleibt, ist die Grundlinienschwäche und der Doppelangriff auf die Bauernschwäche: 23.Sa4 24.Tb1 Sxb2 25.Kf1 Td1+ 26.Txd1 Sxd1 und Schwarz gewann das Endspiel, wenngleich nicht ganz sauber. Welche Zugalternativen zu 23.Sf3? hat Weiß ? Versuchen wir es zuerst "wild":

Variante A: 23.b4? Sa4 Der angegriffene Bauer c3 kann wegen drohenden Grundlinienmatts nicht durch den Turm verteidigt werden. Also: 24.c4 Td4 Schwarz droht im nächsten Zug ...f6 und dann Txc4. Weiß kann jetzt eine simple Falle mit 25.c5 stellen und auf ...Txb4?? 26.Sd7+ hoffen. Schwarz muß jedoch nur 25...f6 ziehen, um zu gewinnen. Also muß der weiße Turm doch noch ran, doch es hilft nichts: 25.Tc1 Sc3 -+. Die Schwäche der Grundlinie machte es möglich. In der nächsten Variante versucht Weiß, mit beseitigter Grundlinienschwäche der Lage Herr zu werden:

Variante B: 23.g3 , aber nun kommt der Turm auf die 2.Reihe ...Td2, was nicht nur dem Bauern b2 böse Prophezeihungen zuflüstert. Das die "wilde" Methode nicht hilft, haben wir oben bereits gesehen:

  1. 24.b4? Sa4 Jetzt hängen c3 und a2. Aber Vorsicht ! 25.c4 (25.Te3 f6 26.Td3 Txa2-+) Na, warum dürfen wir uns auf a2 wohl nicht bedienen ? Aber mit 25...f6 -+ erreicht Schwarz Gewinnstellung.
  2. 24.Tb1 ist seeeeehr passiv. Nach 24...Sa4 25.Sc4 Tc2 läßt sich Bauernverlust nicht vermeiden.
  3. Wesentlich zäher ist 24.Sc4 Nach 24...Tc2 versucht Weiß mit 25.Td1! seinerseits einen höchst aktiven Turm - ggf. auch auf die 7.Reihe - zu entsenden Tatsächlich hat er nach

C1) 25...b5? mit 26.Td5= (26.Se5? Txb2 27.Td5 Se4-+) die Schlinge abgestreift. Auch

C2) 25...Se6? 26.Td2= reicht nur zum Ausgleich. Verlockend, aber wahrscheinlich unzureichend ist

C3) 25...Sa4?! 26.Td7 b5 (26...Sxb2 27.Sxb2 Txb2 28.Txc7 a6 29.a4 =) 27.Se5 f6 28.Td8+ Ke7 29.Sc6+ Kf7 30.Sxa7 (30.Td7+? Ke6 31.Txc7 Kd6 32.Tc8 Sb6-+) 30...Txb2 31.Td7+ Ke6 32.Txc7 und nun hat eher Schwarz Probleme. Die ideale Philosophie heißt hier Geduld. Die Methode: Das weiße Gegenspiel zu neutralisieren und gleichzeitig die wichtigen Damenflügelbauern (Hier wird demnächst ein Job als Freibauer vakant) zu schützen:

C4) 25...Ke8! Deckt das Einbruchsfeld d7. Ke7 wäre auch möglich, zeigt aber nicht so demonstrativ den eigentlichen Weg zum Damenflügel an. 26.Te1+ (26.Td5 Sa4 27.Te5+ Kd8 28.Td5+ Kc8 29.Ta5 Sxb2 30.Sxb2 Txb2 31.Txa7 Kb8-+) 26...Kd8 27.Td1+ Kc8 28.Te1 Sd3 29.Te7 b5 30.Se3 Txf2-+.

Schlicht die Grundreihenschwäche zu beseitigen, führt in der Ausgangsstellung also zum Verlust, da der schwarze Turm auf d2 eindringen und sich auf der 2.Reihe festsetzen kann. Wie wär´s mit einer Deckung des Bauern b2 und des Feldes d2 ? Dies erweist sich tatsächlich als noch zäher:

Variante C: 23.Sc4 b5 Will Schwarz Nutzen aus der Stellung ziehen, muß er den Springer vertreiben. 24.Sa3 (24.Se3 ? Td2 -+) 24...a6 Die Drohungen Td2 und Sa4 bleiben Weiß erhalten. (Zur Analyse empfohlen wird jedoch auch 24...c6, wonach es Schwarz wesentlich leichter hat, oder ?) 25.b4 (25.c4? Td2 26.cxb5 Txb2 27.bxa6 Txa2 28.Sb5 Sxa6-+) 25...Se4 (25...Sa4 26.Sb1 Td3 27.Tc1 Ke7 28.Kf1 ist nicht so klar) 26.Sb1 Sd2! Ein Turm auf der zweiten Reihe ist die halbe Miete. Allerdings sollte man Turmendspiele elementar beherrschen !

  1. 27.a3 Sxb1 28.Txb1 Td2 29.Tc1 Ta2 30.c4 Txa3 31.cxb5 axb5 32.g3 Ta7 (Für Spezialisten: 32...Tb3! 33.Txc7 Txb4 und nun sollte man aber schon wissen, wie man das gewinnt) 33.Tc5 Tb7 mit zumindest Gewinnchancen für Schwarz .
  2. 27.h3 Sxb1 28.Txb1 Td2 und Weiß ist hilflos.

Die Varianten lassen vermuten, daß Weiß de facto verloren ist. Das würde nicht verwundern, zählt man die Minuspunkte von Schwarz zusammen. Erinnern wir uns: Kleine Bauernschwäche, Grundlinienschwäche und Einbruchsfeld auf d2. Weiß fehlte mit den bisher analysierten Zügen die Zeit, alle Schwächen auf einmal zu decken. Doch es gibt tatsächlich einen sehr schmalen Pfad, auf dem Weiß das rettende Ufer erreicht

Variante D: 23.Kf1 beseitigt vorerst die Grundlinienschwäche und trägt zur Verteidigung der 2.Reihe bei. Nun führt nämlich 23...Td2 24.Sc4 Tc2 25.Te2 Tc1+ 26.Te1 Txe1+ 27.Kxe1= zu gar nichts. Bleibt dem Schwarzen noch 23...Sa4

  1. 24.Sc4?! verfehlt den schmalen Weg: 24... b5 25.Sa3 a6 26.c4 b4 27.Sc2 c5 (27...Sxb2 28.Sxb4 Td2 29.Te2=) 28.b3 Td2 29.Sxb4 (29.Se3 Sc3-+; 29.Te2 Txe2 30.Kxe2 Sc3+-+) 29...cxb4 30.bxa4 Txa2-+;
  2. Doch mit 24.Te4! aktiviert Weiß seinen Turm. Wir erinnern uns, daß das Figurenspiel bei solchen Bauernformationen ein zentrales Kriterium ist. 24...Sxb2 (Auch 24...Td1+ kann keinen entscheidenden Vorteil gewinnen: 25.Ke2 Sxb2 26.Tb4 Td5 27.f4 Sd1 28.c4 Sc3+ 29.Kf3=) 25.Tb4 Sd1 26.Txb7 Sxc3 27.g3 und es ist Weiß, der seinen Turm auf der vorletzten Reihe hat.

Eine Schlußfolgerung aus diesem Beispiel lautet, daß die Summe von Schwächen - wenn sie nicht effizient verteidigt oder beseitigt werden können - entscheidenden Nachteil nach sich zieht. Man sollte sich deswegen in symmetrischen Bauernformationen überlegen, ob ein Bauernzug nötig ist, bei der Öffnung von Linien, ob man sie verteidigen oder gar beherrschen kann... und niemals schwache Grundreihen unterschätzen. Mag dieses Beispiel analytisch am Ende zum remis führen - in der Turnierpartie tat es dies nicht und würde es nicht in einem hohen Prozentsatz der Fälle.

Was dieses Beispiel aber auch vorführte - Endspieltechnik ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Die meisten Partien werden durch bessere oder vielmehr: schlechte Endspieltechnik entschieden.

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Copyright © 24.03.2003 Thomas Siebe

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