Der getauschte Tod und andere Katastrophen aus der Age of Sail

Der getauschte Tod
und andere Katastrophen aus der Age of Sail - Maritime Kurzgeschichten

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch
Paperback - 94 Seiten .
Erscheinungsdatum: November 2006

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Die Rache der Schaben

von Thomas Siebe


© 2006

 

Klein, aber oho !

Redewendung

 

Schon als ich geboren wurde, ward mir von meinem Vater, einem Pfarrer aus Nottinghamshire, bestimmt, das ich einmal zur See gehen sollte. Mein ältester Bruder war für das Studium der Rechte vorgesehen, denn er sollte einmal die Kanzlei meines kinderlosen Onkels in London übernehmen. Mein zweiter Bruder ging zur Armee und für meinen jüngsten Bruder blieb nur noch das Pfarramt.

Ich fuhr schon als Knabe für die Dauer von mehr als 8 Monaten zur See. Als Schiffsjunge und Diener des Kapitäns Robert Sutton, der meinem Onkel sein Kommando verdankte, segelte ich auf einer Fregatte in der Nordsee und im Kanal. Die Zeit an Bord sollte mich auf meine spätere Offizierslaufbahn vorbereiten. Und diese begann früher, als alle gedacht hatte.

1793 erklärte England der französischen Republik den Krieg und die englische Flotte wurde über Nacht aufgerüstet. Kapitän Sutton bekam das Kommando über das Linienschiff ARDENT, das im Mittelmeer stationiert wurde. Er nahm mich, der ich gerade das 14. Lebensjahr vollendet hatte, als jüngsten Fähnrich an Bord.

 

Als wir auf dem Spithead die Anker lichteten und Kurs auf die Straße von Gibraltar setzten, waren wir zwölf Offiziersanwärter in der Fähnrichsmesse, die auch an Bord eines 64-Kanonen-Schlachtschiffes drangvoll eng war. Wir stammten aus allen Teilen Englands, Schottlands und Irlands und von 14 bis 17 war jedes Alter vertreten.

Der älteste Fähnrich, Peter Chapman, war freilich bereits 20 Jahre alt und hatte schon eine misslungene Leutnantsprüfung hinter sich. Er führte, wie das vom ältesten Fähnrich von jeher auch erwartet wurde, ein strenges Regiment, dem wir anderen Offiziersanwärter uns unterwerfen mussten. Doch er verzichtete fast völlig auf die obligaten Misshandlungen und Boshaftigkeiten, mit denen auf anderen Schiffen ältere Fähnriche pflegten, ihr Mütchen an den Schwächeren zu kühlen.

Dazu hatte Chapman auch zu wenig Zeit, denn wie die meisten Männer an Bord war er - allerdings in ganz eigenartiger Weise - dem Wettsport verfallen. Seine Leidenschaft war die Organisation von Veranstaltungen und Wettbewerben. Chapman selbst frönte dem Laster des Wettens kaum, seine Leidenschaft schien sich vielmehr an der Begeisterung der Teilnehmer und Zuschauer zu entzünden. Noch wochenlang nach einem solchen Anlass konnte er die Männer immer wieder darauf ansprechen, wie der Wettbewerb ihnen gefallen hatte, was man verbessern könne und was im übrigen gewünscht werde.

Nebenbei verdiente Chapman mit den Wettgeschäften auch ganz gut, doch war dies sichtlich nicht die Triebfeder seines Handelns. Durch ihn steigerte sich das Laster des Glücksspiels an Bord der ARDENT bald zu einer echten Epidemie, von der wir Fähnriche ganz besonders infiziert wurden.

Aber auch der Kapitän hatte sich schon zu seinen Zeiten als Fregattenkommandant Kampfhunde gehalten, die er an Bord der ARDENT bei jeder Gelegenheit trainierte und gegen die Hunde anderer Gentlemen antreten ließ. Selbstverständlich war es nun Chapman, der diese Kämpfe vermittelte.

 

Als wir im Sommer 93 im Hafen von Toulon lagen, organisierte Chapman mit unserer mehr oder weniger freiwilligen Hilfe Hundekämpfe zwischen den Bestien der englischen und spanischen Offiziere und denen der französischen Aristokraten, die sich in den von England und Spanien besetzten Hafen geflüchtet hatten.

Der Donner der republikanischen Belagerungsartillerie ließ Chapmans blasses Gesicht ebenso kalt wie die Musketenkugeln französischer Infanterie, doch mit geröteten Wangen stand er unauffällig im Hintergrund der Hundekampf-Arena und beobachtete mit leuchtenden Augen die johlende Menge. Dabei lauschte er den Anfeuerungen, den Schmähungen und Gefühlsausbrüchen des Mobs, als wären sie Musik.

Doch schnell verloren die Hunde bei der Touloner Flotte an Attraktion und Chapman veranstaltete als neue Attraktion Box- und Ringkämpfe. Zuletzt bot er immer abenteuerlichere Kräftevergleiche, schließlich sogar einen Ringkampf zwischen einem Zwerg und einem Riesen.

Unser dramatischer Rückzug aus dem Hafen von Toulon, bei dem einige von uns Fähnrichen vor Scham weinten, ließ unseren Ältesten kalt, er bedauerte lediglich, das sein Publikum nun wieder auf die Crew der ARDENT beschränkt war.

 

Während wir im Sommer dieses Jahres vor der französischen Küste kreuzten und Ausschau nach der französischen Flotte hielten, wurde Chapmans Haifisch-Wettfischen sehr beliebt.

Viele Schreckensgeschichten wurden über die Meeresräuber erzählt und schienen unsere große Furcht vor diesen Tieren zu rechtfertigen. Wenn zum Beispiel der Kapitän zur Abkühlung von der glühenden Mittelmeersonne ein Segel zu Wasser ließ und daraus einen seichten Pool formte, damit sich Schwimmer und Nichtschwimmer erfrischen konnten, wurden immer Wachen aufgestellt, um vor Haien zu warnen: Wir hatten Angst, das die Raubfische sich sogar durch das Segeltuch beißen konnten, um uns zu fassen. Deswegen war Chapmans Wettbewerb besonders aufregend, denn im Wasser fürchteten wir nichts mehr als diese Ungeheuer, kannten wir doch die mörderischen Zähne der Exemplare, deren Kiefer im Todeskampf auf Deck auf- und zuschnappten.

Um so brutaler gingen wir mit den Haifischen um, nachdem wir sie mit dem Haken an Bord gezogen hatten. Nachdem der Sieger des Wettfischens festgestellt worden war, pflegte Chapman uns ein besonders grausames Schauspiel zu bieten, das unsere Angst vor diesen Ungeheuern in befreiendes Johlen und höhnisches Frohlocken zu verwandeln schien. Man schnitt der größten gefangenen Bestie die Schwanzflosse ab und warf sie dann angeleint wieder über Bord. Der große Fisch konnte nicht mehr davon schwimmen und zappelte vergeblich an der Wasseroberfläche, bis seine zähnestarrenden Kollegen begannen, ihn in Fetzen zu reißen.

Die Männer beobachteten mit weit aufgerissenen Augen das entsetzliche Schauspiel und Chapman beobachtete in ähnlicher Weise die Männer. Doch bald wurde auch dieser Wettbewerb für die meisten Crewmitglieder langweilig und Chapman war auf der Suche nach der nächsten Attraktion.

Bevor er sie jedoch fand, sollte ein Zwischenfall dem Schicksal der Männer von der ARDENT eine Wendung geben: Schon zuvor hatte es wegen Wettstreitigkeiten gewalttätige Auseinandersetzungen an Bord gegeben und mehr als einmal waren Stock und Peitsche deswegen zur Anwendung gekommen.

Nun aber waren zwei Matrosen mit ihren Bordmessern aufeinander los gegangen und hatten sich gegenseitig so schwer verletzt, das der eine sofort, der andere Tage später starb. Kapitän Sutton, vom Admiral auf diesen Vorfall angesprochen, sah sich gezwungen, das Wetten an Bord, das im Prinzip - nämlich als Wetten um Geld - ohnehin verboten war, ganz zu untersagen.

Um keine Gelegenheiten für die Männer zu schaffen, weiter ihre Rumrationen oder Sachgegenstände zu verwetten, genehmigte Sutton auch keine Wettbewerbe an Bord mehr. Damit traf er uns alle schwer, vor allem Chapman, dessen Findigkeit aber eine Lösung auf das Problem fand: Chapman erfand die Schaben-Wettrennen.

 

Der älteste Fähnrich legte die Befehle des Kommandanten auf seine Weise aus. Der Kapitän hatte Wettbewerbe nicht ausdrücklich verboten, er erlaubte sie nur einfach nicht, wie der Veranstalter der diskret angesetzten Rennen nicht müde wurde zu betonen. Außerdem, so unser ältester Fähnrich und großer Interpret der Worte des Kapitäns, wolle Kapitän Sutton doch nur die Wetten unter den Männern der Crew unterbinden, unter Gentlemen aber sei es selbstverständlich, ehrenhaft und bescheiden zu gewinnen oder ohne Murren zu verlieren.

Die Organisation eines Schabenrennens bedurfte nur geringen Aufwandes und man benötigte wenig Platz Deswegen konnte Chapman unauffällig die Anordnungen des Kommandanten unterlaufen.

Zunächst waren nur wir Fähnriche Zuschauer dieser ursprünglich lustigen Miniatur-Spektakel, die am Ende an Grausamkeit dem Haifisch-Schlachten aber nicht nachstanden.

Zuerst mussten die Tiere gefangen werden. Schaben gab es zwar reichlich an Bord und so schien die Auswahl an vielversprechenden Exemplaren groß. Doch sind diese Insekten unerhört schnell. Fähnrich Tinker, ein kleiner Waliser, war jedoch ein Künstler der Schabenjagd und lieferte immer wieder prachtvolle Exemplare ohne eine Delle oder Quetschung.

Den Tieren wurde nun ein geschmolzener Tropfen Talg auf den Rücken getropft, in den ein Seidenzwirn gepflanzt wurde. In Sekunden war der Talg gehärtet und der Faden fixiert. Auf diese Weise konnten die Schaben, einmal losgelassen, nicht entkommen.

Mit Tauen wurden Bahnen gelegt, in denen sie bis zum Ziel rennen sollten. Ein Problem war jedoch die Eigenwilligkeit der Tiere, die partout nicht geradeaus laufen wollten, sondern kreuz und quer über die Taue flohen, bis eher durch Zufall eines von ihnen das Ziel erreichte. Das empfanden ihre Besitzer und die Zuschauer nach den ersten Spektakeln mehr und mehr als unbefriedigend.

Chapman kam jedoch eine ebenso glänzende wie grausame Idee: Unmittelbar vor Beginn des Rennens wurde der Seidenfaden, an dem die Insekten hingen, am äußeren Ende entzündet. Dann wurde die Schabe freigelassen, damit sie durch den vorbereiten Parcours raste, diesmal auf der Flucht vor dem Feuer, das die Schabe in gerader Linie verfolgte und Ausbruchsversuchen des flüchtigen Insekts vorbeugte. Am Ende erreichte jedoch die Flamme das Insekt und verbrannte es, manchmal sogar schon vor dem Ziel.

Die Rennen wurden immer beliebter, es entstanden regelrechte Schaben-Rennställe, doch niemand fing so schnelle und große Schaben wie Fähnrich Tinker. Sie gewannen fast immer und die Fähnriche wurden zum erfolgreichsten Schaben-Rennstall, der sogar Schaben an andere weiterverkaufte. Um die Schaben-Rennen herum entstand so eine regelrechte kleine Bordkultur: Es gab Schabenfänger, Schabenpfleger, Schabenverkäufer, Schabenstarter, Schabenbesitzer und natürlich den ganzen Wettzirkus drum herum.

 

Frankreichs Seekriege gegen England 1793-1815

Frankreichs Seekriege gegen England 1793-1815
von Dieter Wenzlik
Sprache: Deutsch
gebundene Ausgabe - 240 Seiten - VRZ Verlag
Erscheinungsdatum: Oktober 1999


Um diese Zeit, es war im März 1794, hatte unser Admiral Kunde von zwei französischen Fregatten bekommen, die im Hafen von Villa Franca lagen und sich anschickten, den bedrängten Franzosen auf Korsika mit Proviant zur Hilfe zu kommen.

Die ARDENT sollte zwischen Nizza und Kap Ferret kreuzen und die Schiffe blockieren. Dies bedeutete aller Voraussicht nach eine endlos langweilige Kreuz in diesem Gebiet. Kaum vor Villa Franca angekommen, brachten wir immerhin zur Abwechslung eine Prise auf, einen französischer Logger, und der Kapitän bestimmte zum ersten Mal mich als Prisenoffizier. Mit der Hilfe von acht Seeleuten sollte ich das kleine Schiff nach Gibraltar bringen.

Ich ging nicht gern von Bord, denn ich wusste, das die nächsten Tage äußerst spannend werden würden. Nicht nur die zwei französischen Fregatten ließen bei mir das Blut schneller fließen, auch das nächste Schabenrennen vermisste ich bereits jetzt.

Nach einer ereignislosen Reise und mit Hilfe eines verständnisvollen Seemannes, ohne den ich das Schiff zweifellos nach Ägypten gesteuert hätte, brachte ich meine erste Prise glücklich in den Hafen von Gibraltar und ging einige Tage später an Bord des Tenders von der BERWICK, die zu unserer Flotte gehörte. Ich empfand regelrecht Heimweh nach meinem Schiff. Die enge Fähnrichsmesse an Bord der ARDENT war in den letzten Monaten meine Heimat geworden und ich freute mich schon auf die Kameraden und das Leben an Bord.

Wir fanden wenige Wochen später die Flotte vor Toulon, doch ich suchte vergeblich nach dem typischen Schnitt der Marssegel meines Schiffes. An Bord der BERWICK erfuhr ich dann die schreckliche Nachricht: Mitten im Golf von Genua hatte das Linienschiff treibende Wrackteile aufgefischt, die ohne Zweifel von der ARDENT stammten. Alle Spuren auf diesen Überbleibseln wiesen daraufhin, das die ARDENT explodiert war. Und es mußte eine gewaltige Explosion gewesen sein, nur erklärlich durch eine Entzündung in der Pulverkammer des Schiffes. Mir war, als hätte ich meine Familie verloren.

 

Die Trümmerteile, die die BERWICK aufgefischt hatte, sollten alles bleiben, was von der ARDENT zurückblieb. Nie fand man einen Überlebenden oder Spuren der Crew und schon bald war die Tragödie vergessen.

Der Krieg ging weiter und ich brachte es erst zum Leutnant und zuletzt zum Kapitän. Eine Verwundung im Burma-Krieg 1824 beendete meine Laufbahn auf See und ich zog mich an Land zurück, gründete eine Familie und widmete mich zuerst den geografischen Wissenschaften, später der Meereskunde.

Viele Jahre später verschlug es mich auf der Suche nach seltenen Muscheln nach Tunis, wo zu dieser Zeit nur wenige Europäer den Landfall wagten. Nach einem anstrengenden Tag am Strand rastete ich in einem typischen Teehaus, einem halboffenen Schuppen, in dem man neben heißem, stark gesüßtem Tee auch Datteln und Fladenbrot zu sich nehmen konnte.

Während ich meinen Tee schlürfte, setzte sich ungefragt ein alter, einarmiger Derwisch an meinen Tisch. Er war mir schon den ganzen Tag stark hinkend über den Strand gefolgt und hatte mich mehrfach eindringlich angestarrt. Als ich dachte, ich hätte ihn abgehängt, fand er mich bei meinem Tee.

Er starrte mich erneut geradezu provozierend an und ich sah etwas irgendwie Vertrautes in seinen braunen Augen. Der Mann ärgerte mich zunehmend. Ich konnte mir aber keinen Ärger leisten und deswegen ignorierte ich sein dreistes Benehmen.

Ich sah also auf den Boden und entdeckte angewidert eine Schabe, die ohne jegliche Furcht neben einem der Tischbeine ihre Fühler putzte. Ich hob den Fuß, um sie zu zertreten, doch bevor ich das Insekt töten konnte, setzte mein Tischnachbar seinen Fuß vor das Tier.

"Töte in meiner Gegenwart keine Schabe, Graves !"

sprach er in englischem Kommandoton und im selben Moment erkannte ich Gesicht, Stimme und Tonfall.

"Chapman !"

rief ich aus und erhob mich so schnell, das mein Stuhl polternd nach hinten weggeschleudert wurde. Mir war, als würde ich einem Gespenst begegnen, denn ich hatte den ältesten Fähnrich der ARDENT seit vier Jahrzehnten für tot gehalten.

"Chapman, bis du es wirklich ?"

stieß ich fassungslos hervor.

Peter Chapman nickte und entgegnete traurig:

"Ja, Graves, ich bin es wirklich."

Sofort sprudelten die Fragen aus mir heraus :

"Aber warum bist du nicht tot ? Wie hast du die Explosion überlebt ? Die ARDENT ist doch explodiert ? Wie ist das geschehen ? Und haben noch andere von der ARDENT überlebt ? Warum hat man davon nicht gehört ? Und warum lebst du nun hier ?"

"Graves !"

Chapman unterbrach mich und deutete auf meinen Stuhl, während er sich umsah:

"Setze dich. Ich will es dir ja erzählen, aber es ist eine längere Geschichte."

Ich besann mich und setzte mich. Erst jetzt wurde mir bewusst, das die Leute um uns herum mich anstarrten und senkte deswegen meine Stimme:

"Warst du denn an Bord, als die ARDENT ... verloren ging ?"

Chapman nickte:

"Ja, ich habe die Explosion überlebt, jedenfalls das meiste von mir, wie du ja siehst.”

Er schob ein Holzbein unter seinem Burnus hervor und zeigte dieses eigenartigen Lächeln, das immer seinen Mund umspielt hatte, wenn er uns Zuschauern eine seiner Attraktionen präsentiert hatte. Und dann begann Chapman zu erzählen:


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Aber lasse mich an dem Zeitpunkt beginnen, als du auf die Prise gingst. Euer Logger war noch in Sicht, da kam schon der Zahlmeister zu mir und fragte nach dem nächsten Schabenrennen. Er hatte die Frage kaum gestellt, als Korporal Booth von den Seesoldaten ebenfalls an mich herantrat, um mit der schnellsten Schabe der Marines zu prahlen.

Die Fregatten im Hafen von Villa Franca machten keine Anstalten, auszubrechen und wir setzten unsere Kreuz vor der Küste fort. Guter Wind also für das Wettfieber und die Schaben, dachte ich.

Wir organisierten ein weiteres Rennen, diesmal tief unten und achtern im Orlopdeck, bei den Mehlfässern, kurz nach Beginn der Morgenwache. Wir hatten fünf Schaben, über zwanzig Zuschauer und eine Rennstrecke von fast 15 Fuß, das größte und längste Rennen, das ich nach dem Verbot des Kapitäns je veranstaltet hatte.

Und unsere Chancen standen gut, Graves ! Ein sehr schnelles Tier war Tinker in der Messe buchstäblich in den Brotkasten gelaufen, unglaublich schnell, die schnellste Schabe, die ich je sah. Ich war sicher, das Tinkers Vieh gewinnen würde.

Das Startkommando kam, die Fäden wurden entzündet und los ging es ! Alle Schaben waren schneller als je zuvor, doch zwei verbrannten noch auf der Strecke, ihre Zwirne waren zu kurz gewesen. Die anderen drei lieferten sich ein enges Rennen, doch ich behielt Recht: Tinkers Schabe ging mit knappem Vorsprung als erste durchs Ziel...aber sie lief dann mit unglaublicher Geschwindigkeit weiter ! Die anderen taten es ihr gleich, die Seidenfäden brannten noch immer und die Angst vor dem Feuer ließ die Schaben genau in eine der Zuschauergruppen laufen, die zwar alle nach den Insekten traten, sich dabei aber gegenseitig im Weg waren.

Zwei Tiere wurden unter unseren Füßen zerquetscht, doch Tinkers Renner kam durch und verschwand irgendwo im Stauraum hinter uns. Uns allen war klar, das sie noch gebrannt hatte, als sie hinter den Zuschauern verschwunden war. Alle Männer machten sich sofort hektisch auf die Suche. Wir alle wussten, in welcher Gefahr wir schwebten, denn wir waren auf einem Schiff, das zum größten Teil aus Holz, Pech, Tauwerk und Leinwand bestand.

Und dann sah ich plötzlich den Rauch, viel, viel weiter entfernt im Stauraum, als jeder von uns geschätzt hatte. Es war tatsächlich eine sehr, sehr schnelle Schabe gewesen und bevor sie verbrannte, war sie weit gekommen und hatte etwas hinter den Mehlfässern in Brand gesetzt. Bevor wir die Ladung beiseite gerollt hatten, konnten wir die ersten roten Flammen am hölzernen Schott hochschlagen sehen. “Die Pulverkammer !” brüllte plötzlich Lexington und seine Stimme war voller Entsetzen. “Hinter dem Schott ist die Pulverkammer !”

Wir alle erstarrten einen Augenblick und dann stürzten wir uns mit Jacken, Hemden oder sogar bloßen Händen und Füßen auf das Feuer. Eine Minute lang hörte man nur das angestrengte Keuchen der Männer und das Flattern und Patschen der Jacken, doch immer deutlicher wurde diese Geräuschkulisse von einem furchterregenden Knistern übertönt, das mir einen eiskalten Schauder über den Körper jagte. Die Flammen hatten sich bereits in eine andere Ecke hin ausgebreitet und ich wusste plötzlich, das wir verloren waren. Wir würden das Feuer nicht mehr löschen können. Ich mußte das Schiff warnen !

Also lief ich nach oben, kletterte von Deck zu Deck und brüllte: "Feuer ! Alle von Bord ! Feuer neben der Pulverkammer ! Alle von Bord !"

 

Chapman hielt inne, sein Blick war leer geworden, offensichtlich hatte ihn die Erinnerung übermannt und verstummen lassen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie auf die Schreie Chapmans hin die ersten Männer der ARDENT schlaftrunken aus ihren Hängematten sprangen, wie Kapitän Sutton aus seiner Kabine stürzte, wie die Männer im Orlopdeck verzweifelt nach Wasser brüllten, während sich das Feuer ausbreitete und zur Pulverkammer durchfraß.

 

Einige Zeit schwiegen wir, dann stellte ich die entscheidende Frage:

"Und dann ist die ARDENT explodiert ?".

Chapman nickte:

"Ich sprang gerade Warnungen brüllend auf das Achterdeck, als jegliches Geräusch verstummte und ich plötzlich zu fliegen schien. Ich wurde von der ARDENT weg in die Luft geschleudert, um mich herum war es gelb und rot und einen Moment lang konnte ich die Explosion sogar sehen, wie ich mich rasend schnell von ihr entfernte, während eine Wolke aus Trümmern um mich herum mit mir flog. Und glaube es mir oder glaube es mir nicht, Graves ! Direkt vor meinen Augen, keine Handbreit entfernt entdeckte ich plötzlich eine Schabe ! Fast wäre sie mir ins Gesicht geflogen ! "

Den letzten Satz hatte der frühere Fähnrich beinahe geschrien, der Schrecken dieses Moments spiegelte sich auf dem verzerrten Gesicht Chapmans wieder, der beide Fäuste geballt an die Ohren gepresst hatte und mit entsetztem Gesicht ins Leere starrte.

 

Nach einer großen Pause fragte ich:

Und dann...? “

Chapman seufzte und setzte fort:

Das nächste, woran ich mich erinnere, waren große Schmerzen auf meiner ganzen linken Körperhälfte. Ich fand mich auf einer zersplitterten Stückpforte im Wasser treibend und musste feststellen, das der Aufprall auf das Wasser mir die gesamte linke Seite zerschmettert hatte.

Die Explosion hatte zur Morgenwache stattgefunden, nun aber stand die Sonne fast schon im Zenit. Um mich herum konnte ich auf der völlig glatten See weder Trümmerteile noch andere Schiffbrüchige ausmachen.

Dafür sah ich etwas anderes, was mich sogar meine Schmerzen vergessen ließ. Ich kann dir mein Entsetzen nicht beschreiben, als ich die große Rückenflosse eines Haifischs nur wenige Meter vor mir vorbeiziehen sah.

Es war eines dieser großen braun-weißen Ungeheuer, die wir einst gefangen und so grausam getötet hatten. In diesem Moment war ich davon überzeugt, das Gott mir meine Sünden vor Augen führen wollte, die Lust, die ich daran empfunden hatte, wenn ich zum Vergnügen anderer diese Kreaturen hatte leiden lassen.

Und ich schwor lauthals, das, wenn Gott mir die Bisse dieses Leviathans da vor mir im Wasser ersparen würde, ich niemals wieder einer seiner Kreaturen ein Leid zufügen wollte. Und wie der Hai sehr nahe an mir vorbeizog und mich aus hühnereiergroßen schwarzen Augenhöhlen musterte, versprach ich noch, darauf zu verzichten, zu denen zurückzukehren, die mich liebten. Allein wie ein Einsiedler wollte ich leben und mit niemandem sprechen, bis ich die Männer der ARDENT einst wiedersehen würde und sie mir meine Schuld vergeben würden.

Kaum hatte ich das mit lauter Stimme beteuert, da strebte die Flosse von mir weg und verschwand. Ich aber wurde kurz darauf von einem tripolitanischen Kaperschiff aus dem Wasser gezogen. Die Muselmanen amputierten mir noch an Bord den zerschmetterten linken Arm und das ebenso schwer verletzte linke Bein. In Tunis brachten sie mich von Bord und ein ansässiger Arzt pflegte mich ganz gesund. Da ich kein Wort sprach, halb taub war und eine wahrlich elende Figur abgab, gab dieser Moslem mir in seiner großen Güte Arbeit als Gärtner in seinem Haus und so blieb ich. Später erfuhr ich, das man von der Crew der ARDENT keinen Mann gefunden hatte, weder lebend noch tot.

Die Schuld lastete schwer auf mir und oft habe ich später gewünscht, ich hätte die Explosion nicht überlebt, hätte den Haifisch sein Werk verrichten lassen. Ich suchte sogar den Tod, doch nicht einmal die Pest, die hier inzwischen dreimal wütete, konnte mich erlösen. Aber dann sah ich heute morgen dich, Graves und konnte es erst nicht glauben, bis ich mich erinnerte, das du das Schiff ja zuvor verlassen hattest. Du bist der letzte Mann von der ARDENT und hier bin ich nun und bitte dich um Verzeihung, stellvertretend für die, die damals durch meine Schuld starben. Ich will endlich nach Hause !”

 

 


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