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Blick zurück - stimmt die Analyse noch ?

1988 spielte ich die folgende Partie im Halbfinale des Bielefelder Stadtpokals (Habe ich eigentlich das Finale gespielt, gegen wen, habe ich gewonnen oder verloren ? Kann mir jemand da weiterhelfen ?) und berichtete darüber im BSK ECKBAUER SPIEGEL 19 / 1988. Es war eine wilde Partie und schon damals war ich mir bei der Analyse mehr als einmal unsicher. Deswegen fand ich es ganz reizvoll, die Partie noch einmal zu analysieren und zwar ohne den 12 Jahre alten Artikel vorher zu lesen. Was sollte sich geändert haben ? Na, ich z.B., die Schachtheorie und die Analysehilfen. Wie auch immer, das Ergebnis ist ein weiterer Schachcookie. Zuerst die Partie, wie sie damals in der Vereinszeitschrift erschien:

Der Teufel mischte die Karten (1988)

Die Vorgeschichte dieser Partie reicht bis zu meinem Geburtstag 1 zurück : Auf Befragen nach einem Geburtstagsgeschenk hatte ich einer mir nahe stehenden Person kurz und scherzhaft geantwortet: "Mephisto". womit ich den gleichnamigen Schachcomputer 2 meinte. Besagte Person , auch ein Teufelchen 3, beglückte mich jedoch mit einer "Kasperlpuppe" teuflischer Physiognomie, wobei sie einige DM sparte und einen zweiten Freund gewann , da sie mich ungewollt in eine Persönlichkeitsspaltung 4 trieb. Denn Mephisto wurde sogleich mein "Alter Ego" (anderes Ich). Die o.g Partie war sein erster (und definitiv letzter) Auftritt in der Welt der Holzpüppchen , lugte er mir doch ständig über die Schulter 5 , von meinem Gegner6 sofort ins Herz geschlossen und belächelt. Mephistos Einflüsterungen während der Partie führten mich durch einige Stationen der Schachhölle . Ich spielte ein grauenhafte Partie , aber .... der Teufel verliert kein Spiel ! 7
Genug der langen Worte , auf in die Hölle !

Siebe, Thomas - von Fabeck, Hans-Wolf

Bielefelder Pokalhalbfinale 1988


1. d4 Sf6 2. Sf3 g6 3. Sc3 Ich wollte ja 3.Lg5 spielen, aber Mephisto liebt die donnernden Hufe der Gäule. ...d5 4. Lg5 Se4 Dieser Zug garantiert Ausgleich, Mephisto war beeindruckt. 5. Sxe4?! Die Zugfolge 5. Lf4 Sxc3 6. bxc3 ist zweifelsohne besser, aber der Teufel...
5... dxe4 6. Sg1 Mephisto war´s zufrieden: 4 Galoppsprünge in den ersten 6 Zügen. Lg7 7. c3 O-O 8. e3 Genauer war 8. Dc2, z.B. 8..- Lf5 9.g4 - Lxg4 10.Dxe4 - Le6 11.Lg2 - c6 =. Schwarz kann jedoch besser spielen: 8..-Dd5!? 9.Lf4 (Lxe7-Te8 mit dem Plan e3 ist unklar) ..- c5 10.e3 - cxd4 11.cxd4 - Le6. Ich fand sogar eine Partie: Gondin - Idigoras, Mar del Plata 1956, in der 8..- h6 9.Ld2 - e5 10.dxe5 - Sc6 11.Dxe4 - Lf5 12.Da4 - Sxe5 =+ folgte, leider von geringem Aussagewert.
8... c5 9. Dc2 Lf5 10. g4?! Eine wahrhaft teuflische Einflüsterung. (Außerdem hatte ich es eilig... so oder so !) Lxg4 11. Dxe4 cxd4!









Nach 11..-cxd4

Ein gewinnbringendes Figurenopfer ? Jedenfalls glaubten wir das während der Partie und in der "post mortem"-Schnellschußanalyse. Einzig Mephisto schien es besser gewußt zu haben. 12. Dxg4! Von dem Ausrufezeichen hatte ich während der Partie natürlich keine Ahnung - ganz im Gegenteil ! 12.cxd4? eleminiert sich wegen 12..-Da5+. 12.exd4 dagegen erschien mir zu Unrecht als kümmerlich, wenngleich Schwarz nach 12..-Dd7 13.Lg2 - Sc6 weit besser steht. Der Satan persönlich holt einen nach 12.Lxe7 - dxc3! 13.Lxd8 (oder 13.Lxf8-cxb2/Da5+) ..-cxb2 (droht wunderschön Lc3#) 14.Td1-Lc3+ 15.Td2-Txd8 (droht Ld2#/Lf5). Desgleichen führte 12.Dxe7?-dxc3 13.Dxd8 - Txd8 14.Lxd8 - cxb2 15.Td1 - Lc3+ in die Hölle. Ich wählte also den besten Zug ! Teuflische Intuition ? dxc3 13. Td1 Der einzige Zug. Würden Sie die weißen Steine freiwillig spielen ? Dann seien Sie vor Geschenken auf der Hut ! cxb2?!









Nach 13..-cxb2

Spektakulär, aber im Gewinnsinne wahrscheinlich ein Fehler. Mehr Chancen bot 13..-Da5. Die Folgen von 14.b4 - Dxa2 15.Lc4 - Da3 16.Se2 oder sogar 14.bxc3 - Lxc3+ 15.Ke2 - Dxa2 16.Kf3 sind völlig unklar, aber Schwarz sollte doch die besseren Karten haben. 14. Lc4? Hier widerstand ich dem Drängen meines höllischen Freundes, die Dame zu vernaschen. Zu Unrecht ! Ich sah nur 14.Txd8 - b1D+ 15.Dd1 (Td1?-Lc3+) ..-Lc3+ 16.Ke2 (Td2?-Lxd2) ..- Db5+ mit 17..-Dxg5 und zwei Minusbauern. Dabei bleibt Schwarz nach 17.Dd3 auf der Strecke 8. So rechnete ich erst gar nicht mit 15..-Db4+ 16.Td2 (Dd2-Lc3/Ke2-Db5+) ..-Lc3 17.Se2. Hier könnte Schwarz mit 17..-Lxd2+ 18.Dxd2-Db1+ 19.Dd1-Db4+ remisieren, da Weiß bei unklarer Position immerhin das Säuferpaar gegen T + 2 B hat. 14...Lc3+? In der Schnellschußanalyse nach der Partie zeigte ich 14..-h5 mit der Idee Da5+/Dxg5 und schnellem Gewinn, wovon ich auch während der Partie überzeugt war. Ich wollte sogar im Falle dieses Zuges aufgeben ! Das wäre eine teuflische Fehleinschätzung der Lage gewesen ! Wohl dürfte Schwarz nach 15.Txd8-b1D+ 16.Dd1-Db4+ wegen des blödsinnigen Lc4 auf Gewinn stehen, aber nach 15.Df3-Da5+ 16.Kf1-Dxg5 17.Dxb7 hängt plötzlich ein Turm und die Partie ist noch lange nicht zu Ende. Trotzdem sollte Schwarz Gewinnstellung haben (Bauer b2 !), z.B. 17..-Dg4 18.Le2-Da4 mit der Idee ..Dxd1. Der Textzug ist jedoch ein schlimmer Tempoverlust. 15. Kf1 Sc6 16. Kg2 16.Txd8 verbietet sich jetzt wegen 16..-Tad8 und nichts hält den Bauern b2 mehr auf. Se5 Das hatte Mephisto kommen sehen, flüsterte er doch schon vorher, daß das Spielchen mit der hängenden Dame nicht mehr lange gut gehen könne 9. Was hatte Schwarz sonst noch ? 16..-h5 scheiterte an 17.Txd8-Taxd8 18.De4 mit der Idee Dxg6. 16..-Db6 wird mit 17.Sf3 beantwortet, wonach Weiß am Drücker ist. 17. Txd8 b1D? Das verliert den Bauern b2 ersatzlos. Weit bessere Chancen bot das konsequente 17..-Tfxd8 18.De4-Sxc4! ( ..-Td1? 19.Se2 +- ) 19.Se2 - Sd2 20.Dc2 mit technisch schwierigem Gewinn für Weiß, z.B. 20..-b1D 21.Txb1-Sxb1 22.Sxc3-Sxc3 23.Dxc3-Td7, was irgendwo zwischen großem Vorteil und Gewinnstellung für Weiß liegen dürfte. 18. Txf8+ Txf8 19. Dh4 Df5 Nachträgliche Anmerkung 2000: Der Rest der Partie war ein Zeitnotduell, bei dem Schwarz an diesem Punkt unter 1 Minute Zeitreserve war, Weiß jedoch noch rund 10 Minuten zum Protzen hatte. Trotzdem blitzte ich Trottel damals mit (Zumindest da habe ich dazu gelernt, heute habe ich die Minute und der Gegner die 10 !), weswegen der Rest der Partie für die Analyse amtlich gesperrt wird. 20. Lb3 Sg4 21. Sf3 Td8 22. Lxe7 Te8 23. Lg5 h6 24. h3 Sxf2 25. Dxf2 hxg5 26. Sd4 26... De4+ 27. Df3 Kg7 28. Sc2 f5 29. Td1 Kh6 30. Dxe4 Txe4 31. Td7 Schwarz überschritt die Zeit 1-0 Mephisto triumphierte - und ich war ob meiner vermeintlich miserablen Leistung und angesichts des unverdienten 10 Sieges beschämt. Wer hätte gedacht, daß 10.g4?! und 12.Dxg4! ein derartig diabolisches Gebräu darstellen würden. Anerkennung gebührt meinem Gegner, der weder Matt noch Teufel fürchtete, Dank gebührt Mephisto und dem Weißmähnenteufelchen.


Soweit der 88er-Artikel. Nun zur Analyse des Jahres 2000:


Siebe (2155) - Von Fabeck (2050)

[D00] Pokal Bielefeld 1988
1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Sc3 d5 4.Lg5 Se4 Hier suchte ich vergeblich nach einer Partie aus der Praxis ! Kaum zu glauben, daß dieser auf der Hand liegende Zug sich auch in hundertausenden von Partien nicht findet ! (By the way - Ich verfüge über keine Eröffnungsliteratur mehr. Da steht sicher etwas, oder ?). Anyway, wenn man mit Weiß "was will", muß man den frechen Gaul killen, koste es auch Zeit.









Stellung nach 4. ... Se4

5.Sxe4 dxe4 6.Sg1 Lg7 7.c3 0-0 8.e3 c5 9.Dc2 Warum habe ich diesen frechen Naturausbeuter nicht weg genommen ? Ein lumpiger Bauer gegen undurchschaubare Verwicklungen, bei denen Weiß wohl kaum etwas zu gewinnen hat, z.B. 9.dxc5 Da5 10.Lxe7 A) 10...Lxc3+ 11.bxc3 Dxc3+ 12.Ke2 Db2+ 13.Ke1 (13.Dd2 Dxa1 14.Lxf8 ist wohl sichtlich besser für Schwarz.) 13...Dc3+=; B) 10...Te8 11.Lg5 (11.Ld6? Lxc3+ 12.bxc3 Dxc3+ 13.Ke2 Lg4+-+ und der Punkt e3 ist schwach.) 11...Dxc5 (11...Lxc3+ 12.bxc3 Dxc3+ 13.Ke2 reicht für Schwarz offensichtlich auch nur zum remis.) 12.Lf4 und alle Optionen liegen bei Schwarz, der neben dem Entwicklungsvorsprung auch noch die Möglichkeit hat, mit Lxc3+ die Partie zu remisieren. 9...Lf5 10.g4 Würde ich heute auch noch ziehen. Nur erschien mir der Zug damals als wild, heute dagegen als natürlich. 10...Lxg4 11.Dxe4 Die kritische Stellung, in der Schwarz grundsätzliche Entscheidungen treffen muß: Figurenopfer oder Defensive ? 11...cxd4! Das Figurenopfer ist m.E. korrekt, bietet aber nicht mehr Chancen als die Alternative: Nach 11...Le6 12.Lg2 Sd7 (12...Sc6? 13.d5 Lf5 14.Dh4+-) 13.Se2 (13.d5?! Lf5 14.Dxe7? Db6-+ stellt Weiß wg. der "abwegigen" Dame nebst anderer Schwächen (Diagonale a1-h8, Punkt b2 etc.) vor unlösbare Probleme.) 13...Te8 sind die Chancen etwa gleich verteilt. 12.Dxg4?! 12.exd4 Dd7 13.Lg2 Sc6= ist schlicht (und) anspruchslos. Andererseits ist es der bessere Weg ! 12...dxc3 13.Td1 cxb2 13...Da5!? A) 14.bxc3 Lxc3+ 15.Ke2 wird auf Dauer nicht gutgehen, z.B. 15...Sc6 16.Dh4 Se5 17.e4 (17.f4 Dxa2+) 17...Tfd8 und Schwarz steht auf Gewinn. Zur lustvollen Analyse empfohlen !; B) 14.b4 14...Dxa2 ist auch nicht gemütlich für Weiß, aber doch nicht völlig klar: 15.Lc4 Db2 16.Se2 c2 17.Tc1 Lc3+ 18.Kf1 Ld2 Wirkt doch ein wenig kümmerlich angesichts vergangener Drohungen, aber tatsächlich behielt Schwarz seinen Vorteil in allen Varianten. Soll doch einer FRITZ daran setzen, hier vertraue ich aber meinem Gefühl: Weiß hat irgendwie Remischancen ! 14.Lc4?! 14.Txd8 b1D+ 15.Dd1 Db4+ (15...Lc3+ 16.Ke2 Dxa2+ 17.Kf3 stellt sich als unklar heraus, was im übrigen der Tenor in dieser Partie ist. Vielleicht sieht ja ein IM oder GM klarer.) 16.Td2 Lc3 17.Se2 Lxd2+ 18.Dxd2 Dxd2+ 19.Kxd2 und trotz des materiellen Ungleichgewichts sollte die Stellung gleiche Chancen bieten. 14...Lc3+? Der erste Schritt vom Weg ! Einfach gewinnt 14...h5 15.Txd8 (15.Df3 Da5+ 16.Kf1 Dxg5 17.Dxb7 Dc5-+) 15...b1D+ 16.Dd1 Db4+-+ 15.Kf1 Sc6 16.Kg2 Mit 16.Txd8 Taxd8 verliert Weiß. 16...Se5 Schwarz denkt gar nicht daran, seine afrikanische Prinzessin aus der Schußlinie zu bringen. Und wenn man Frauen nicht genug Achtung entgegenbringt, rächt sich das meistens !









Stellung nach 16. ... Se5

17.Txd8 b1D? Richtig war 17...Sxg4 18.Txf8+ Txf8 19.Se2 wonach es aber fraglich ist, daß der Bauer b2 ein angemessenes Gegengewicht für die Figurenpower von Weiß ist. 18.Txf8+ Txf8 19.Dh4 Df5 Hier begann nun das Zeitnotgehacke, aber die Fronten haben sich nun ohnehin geklärt. Weiß hat Gewinnstellung erreicht. 20.Lb3 Sg4 21.Sf3 Td8 22.Lxe7 Te8 23.Lg5 h6 24.h3 Sxf2 25.Dxf2 hxg5 26.Sd4 De4+ 27.Df3 Kg7 28.Sc2 f5 29.Td1 Kh6 30.Dxe4 Txe4 31.Td7 ZÜ 1-0

Welcher Analyse trauen Sie nun mehr ? Hat die jüngere Untersuchung womöglich den 2000der-Bug ? Immerhin gehen beide Analysen von der Korrektheit des Opfers aus, nur über das "Danach" bin ich mir mit meinem 88er-Bruder nicht ganz einig. Und offensichtlich bin ich in den letzten 12 Jahren gefühlsbetonter geworden. Na ja, sagen wir, die Festplatte arbeitet halt nicht mehr so, da muß dann die RAM ran.

* Fußnoten * oder: Was hat sich inzwischen getan ?
1 = Damals erwähnte man Geburtstage noch. Im aktuellen Jugendmassenwahn unterläßt man das besser, sonst wollen die Kids noch einen Existenzberechtigungsschein sehen.
2 = Tja, so romantische Namen hatten die Schachcomputer damals. Heute heißen sie halt Fritz. Ich habe für beide nie eine Verwendung gehabt, wohl weil man sie unter dem Tisch nicht treten konnte.
3 = Besagtes Teufelchen hat inzwischen keine weiße Mähne mehr, dafür 2 schreiende Kinder, ´n geschiedenen Ehegesponst und daher gar keinen Humor mehr. (Schluchz !)
4 = Keine Angst, bin wieder gesund ! gez. Mephisto.
5 = Inzwischen begleitet er meine Tochter gelegentlich zu Taek-wan-do- Wettkämpfen. Dabei hat er sich offensichtlich einmal zu oft eingemischt, denn der Kopf sitzt schon recht locker auf seinen Schultern.
6 = "Ha-Wo-Fa" war damals ein kompromißloser Angriffsspieler, der im Wesentlichen auch diese Partie gestaltete. Schönes Schach, aber statistisch und scoremäßig gesehen leider nicht effizient. Inzwischen dürfte auch er wohl älter geworden sein (?!), hoffentlich aber noch immer unverbesserlich ineffizient !
7 = Das ist eine Legende. Tatsächlich handelt es sich dabei lediglich um image management, sprich: Angeberei.
8 = Zu dem Zeitpunkt ein Terminus aus der Jägersprache (Strecke = aneinandergereihte Beute nach der Jagd), heute könnte sich das de facto auf die Bundesautobahnen beziehen.
9 = Dieses Dogma hätte ich mir später jenseits des Brettes in´s Bewußtsein rufen sollen, aber ich hab´da ´ne Dame hängen lassen... und das war nicht gut. Sorry, Nicky !
10 = Inzwischen ist meine Philosophie, daß ein am Brett errungener Punkt nicht unverdient ist, soweit man fair und regelkonform siegte und den Gegner (Partner) achtet.
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Copyright © 24.03.2003 Thomas Siebe

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