Links

 Schachuhr
DGT Travel 960. Digitale Schachuhr für die Westentasche.
Clicken Sie für Schachbücher und Schach-CD´s bei Amazon


Tschechisch - eine semi-scharfe Variante für Weiß

Das tschechische System kam Anfang der 90er Jahre in Mode und stellt eine denkbar flexible Antwort von Schwarz auf eine Reihe weißer Züge dar. Die Möglichkeiten, durch Zugumstellung in tschechische Varianten zu gelangen, ist recht groß, z.B. 1.d4 d6 2.Sf3 Lg4 3.e4 Sf6 4.Sc3 oder 1.e4 Sf6 2.Sc3 d6 3.d4 c6 oder 1.Sf3 d6 2.e4 Sf6 3.Sc3 Lg4 4.d4 c6 (Die eigentliche Zugfolge in der folgenden Partie, aber dann wäre mancher Kommentar schwierig geworden) oder... Wie man sieht, kann so mancher "Weiße" infolge seines Eröffnungsrepertoires dem schwarzen Aufbau nicht entfleuchen. Also muß man sich wohl damit auseinandersetzen. Genau dies taten mein Freund Andreas Kondziela und ich in der folgenden E-Mail-Partie, wobei ich sozusagen den advocatus diaboli spielte. Andreas jedoch verhaute des Teufels Advokaten (also mich) ganz fürchterlich...

Dr. Kondziela, Andreas (1800) - Siebe, Thomas (2080)

E-Mail-Match 1998

1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 c6 Dies ist, wenn meine Informationen nicht trügen, die tschechische Aufstellung. 4.Sf3 Alternativen sind u.a. das gute 4.f4 (Pytel) und das beliebte 4.a4. 4...Lg4 Die Idee dieses Zuges ist es u.a. eine Art Französisch mit entwickeltem weißfeldrigem Läufer zu spielen. 5.h3 Hiermit beginnt an sich schon die zu besprechende, ziemlich scharfe Variante. 5...Lh5

5...Lxf3 6.Dxf3 ist eine Alternative. Schwarz gibt das Läuferpaar auf und spart sich kurzfristig einige Probleme. Ein kurzer Überblick:
A) 6...e5 7.Le3 Sbd7 8.0-0-0
[ Besser als 8.g4 h6 9.h4 exd4 10.Lxd4 Se5 11.Lxe5 dxe5 12.Td1, z.B. in Berg - Giffard, Hamburg 1996, wo nach 12...De7 13.Lc4 Td8 14.Ke2 Td4 15.Lb3 g6 16.g5 Sh5 17.Dg4 Dc7 eine Stellung mit guten Chancen für Schwarz entstand.] 8...Da5 9.g4 d5 10.dxe5 dxe4 11.Sxe4 Sxe4 12.Dxe4 Dxa2 13.Lc4 Da1+ 14.Kd2 Dxb2 15.Ke2 Dxe5 16.Lxf7+ Kxf7 17.Txd7+ mit erheblichem weißen Vorteil in Cohrs - Chapman, Werther 2000 (1-0/41)
B) Nach 6...e6 können frankophile Stellungen entstehen. In Hebden - Parr, Hastings 1999, geschah 7.Ld3 d5 8.e5 Sfd7 9.Se2 c5 10.c3 Sc6 11.0-0 Db6 12.Td1 g6 13.a3 Db3 14.Te1 Lg7 15.De3 0-0 16.h4 und Weiß robbte sich am Königsflügel zum Sieg (1-0/34).

6.De2 Das ist die eigentliche Themavariante: Weiß trachtet danach, am Königsflügel schnell Raum zu greifen, während er mit dem Mehrzweck-Damenzug wichtige Felder freimacht (d1), den Bauern e4 ein zweitesmal überdeckt, seinen Vorstoß vorbereitet oder präventiv Zentralaktionen des Schwarzen hemmt (e-Linie).









Stellung nach 6. De2

6...e6

Schwarz kann immer noch mit 6...Lxf3 zur Anmerkung zum 5.Zug übergehen. In Sherbakov - Vorotnikov, Elista 1996, verzichtete Weiß nach 6.Dxf3 e6 auf eine französische Diskussion und setzte etwas zu forsch mit 7.d5 Sbd7 8.dxe6 fxe6 9.Dg3 fort. Schwarz verzichtet nun jedoch auf das natürliche, ausgleichverheißende 9...Sc5 und verlor nach 59.Zügen.

7.g4 Lg6 8.h4

Eine "ruhige" , jedoch nicht ungefährlichere weiße Alternative ist 8.Lg2. Ein aktuelles Beispiel: 8...Le7 9.h4 d5 10.exd5 cxd5 11.Se5 Se4 12.h5 Sxc3 13.bxc3 Le4 14.f3 Da5 15.Tb1 f6 16.h6 g6 17.fxe4 Dxc3+ [Auch mit 17...fxe5 18.Db5+ Dxb5 19.Txb5 hatte Schwarz einen schweren Weg vor sich ] 18.Ld2 Dg3+ 19.Kd1 Sc6 20.Th3 und Weiß gewann in Hebert - Strenzwilk, Foxwoods Open 2000

8...h6

Die schwarze Alternative besteht in 8...h5 9.g5 Sfd7 10.Lh3 Le7 11.Le3 d5 12.Sd2 (Diagramm)









Stellung nach 12. Sd2 (Variante)

Allerdings stehen die schwarzen Aktien in dieser Variante derzeit nicht gut: 12...0-0 13.f4 dxe4 14.Scxe4 Sb6 15.c4 Sa6 16.a3 Lxe4 17.Sxe4 g6 18.0-0-0 mit Vorteil für Weiß in Kosten - Lund, Birmingham 1999 (1-0/62) oder 12...dxe4 13.Scxe4 Dc7 14.c4 Lf5 15.Lg2 Sa6 16.a3 c5?! 17.d5 Sb6 18.d6 Lxd6 19.Sxd6+ Dxd6 20.Lxb7 Sc7 21.0-0-0 1-0 Lagunov - Breyther, 2. BL Nord 1999

Der Versuch, mit 8...d5?! zu tricksen, nahm in Ostenstad - Jacobs, Gausdal 1991 ein übles Ende: 9.exd5 Sxd5 10.h5 Sxc3 11.bxc3 Da5 12.hxg6 Dxc3+ 13.Kd1 Dxa1 14.Txh7 Tg8 15.gxf7+ Kxf7 16.Sg5+ Ke8 17.Dxe6+ Kd8 18.Th3 Sd7 19.Dxg8 Dxd4+ 20.Td3 Dxg4+ 21.f3 Df5 22.Lh3 1-0

9.h5 Lh7 10.g5 hxg5 11.Lxg5

Das ist wahrscheinlich besser als 11.Sxg5 . In Farago - Aranovitch, Open Lugano 2000, kam Weiß nach 11...Db6 12.d5 Lg8 13.f4 Sbd7 14.dxe6 fxe6 15.e5 dxe5 16.fxe5 Sd5 17.Sxd5 cxd5 nicht zum Schuß (½/34). Neues Leben in die Variante könnte jedoch folgendes Bauernopfer bringen: 12.f4!? Dxd4 13.Le3 Db4 14.0-0-0 Sbd7 15.Lh3 unklar in Rocha - Leonardo, Portuguese Masters 2000 (½/41)









Stellung nach 11. Lxg5

11...Lg6? Ein Fehler, der eindrucksvoll widerlegt wird. "Normal" ist...

11...Le7 12.Lg2 [ 12.h6 war der herkömmliche Zug. Sowohl in Cebalo - Zlochevskij, Toscolano 1996 (½/34) als auch in Finegold - Hartoch, Dieren 1990 (1-0/61) erreichte Weiß nach 12...Tg8 13.hxg7 Txg7 14.0-0-0 Sbd7 initiative Stellungen mit guten Perspektiven.] 12...d5 [ 12...Sxe4? 13.Lxe7 Sxc3 14.Lxd8 Sxe2 15.Lg5 +- ] 13.exd5 cxd5 14.Se5 Sfd7 15.Lxe7 Dxe7 16.Db5 b6 17.h6 mit recht scharfem Spiel und guten weißen Perspektiven in Agamaliev - Efthimiou, Ano Liosia 1997 (1-0/24).

Und damit wechseln wir vom Eröffnungscookie zum Taktikcookie: 12.e5 Db6 Der einzige Zug, der nach 13.exf6 Db2 oder 13.0-0-0 Sd5 wohl auch noch erträglich für Schwarz wäre. Aber:









Stellung nach 12...Db6

13.hxg6! Txh1 14.gxf7+ Kd7

Auf 14...Kxf7 15.exf6 packt Weiß sein gesamtes Arsenal aus, Nachspielen der recht lehrreichen Varianten lohnt sich!
A) 15...gxf6 16.0-0-0! fxg5 17.Sxg5+
A1) 17...Ke8 18.Dxe6+ Kd8
[18...Le7 19.Te1 Dd8 20.Sd5 cxd5 21.Lb5+ Sc6 22.Txh1 Dc7 23.Th8# ] 19.Te1
A2) 17...Kg6 18.Dxe6+ Kxg5 19.Se4+ Kh4
[19...Kf4 20.Df6+ Kxe4 21.Lg2#] 20.Df6+ Kg4 21.f3+ Kh5 22.Dg5#;
B) 15...Dxb2 16.Tb1 Dxc3+ 17.Ld2
B1) 17...Da3 18.Sg5+
B1a) 18...Kg8 19.Dxe6+ Kh8 20.fxg7+ Lxg7
[ 20...Kxg7 21.Df7+ Kh6 22.Dh7#] 21.De8+ Lf8 22.Dxf8#
B1b) 18...Ke8 19.Dxe6+ Kd8 20.fxg7 Lxg7 21.Dg8+ Kc7 22.Se6+ Kd7 23.Txb7#;
B1c) 18...Kg6 19.De4+ Kh5 20.Dxh1+ Kg6 21.De4+ Kh5 22.Le2+ Kh6 23.Sf7# Schönes Matt !
B1d) 18...Kxf6 19.Dxe6#;
B2) 17...Dxc2 18.Txb7+ Ke8
[18...Kg8 19.Dxe6+ Kh8 20.fxg7+ Lxg7 21.De8+ Kh7 22.Sg5+ Kh6 23.Sh3+ Kh7 24.Dh5+ Kg8 25.Df7+ Kh8 26.Dxg7#; 18...Kxf6 19.Lg5+; 18...Kg6 19.fxg7] 19.Dxe6+ Kd8 20.La5#









Stellung nach 14. ... Kd7

15.0-0-0!?

Hier hätte Weiß natürlich auch 15.exf6 Dxb2 16.Tb1 Dxc3+ 17.Ld2 Dxc2 18.Txb7+ Kc8 19.fxg7 Kxb7 [19...Lxg7 20.Tc7 nebst Damengewinn durch 21.La5+ oder Lg5+ ] 20.gxf8D Db1+ 21.Dd1 Txf1+ 22.Kxf1 Dxd1+ 23.Kg2 Sa6 24.Dxa8+ Kxa8 25.f8D+ mit Gewinn spielen können. Aber der Herr Staatsanwalt ist nun mal ein Sadist und läßt schwarze Hoffnungen kurzfristig wieder aufleben.

15...Sd5 16.exd6 Profan, aber wirkungsvoll. Da wird nicht nur das Feld e5 für den Springer frei, sondern der Bauer e6 könnte nach Te1 oder Lh3 zum Sargdeckel werden. Und dann ist da noch der verdammte Bauer f7, den man zuvor ja nicht nehmen konnte - der Lf8 darf ihn nicht aus den Augen lassen. Die Krone des schwarzen Königs müßte jetzt eigentlich grau sein... 16...Sxc3

Auf 16...Lxd6 folgt "schlicht" 17.Se5 oder 17.Te1.

17.bxc3 Lxd6 18.Se5+ Kc7 Das weiße Spiel läuft wie von selbst. 19.Sc4 Db5 Und zum Finale ein lustvoller Unterbrechungszug: 20.d5! 1-0

Schlußstellung








Schwarz kann der vielen Drohungen nicht mehr Herr werden: So droht natürlich nun wieder 21.Sxd6 nebst 22.f8D, e6 hängt und wehe! Weiß öffnet die d-Linie... Auf 20...Sd7 folgt 21.Sxd6 Dxe2 22.Se8+, auf das scheinbar befreiende 20...Txf1 z.B. 21.Dxf1 Lf8 22.Lf4+ Kc8 23.Sd6+. Die Partie und die Eröffnungsbeispiele haben - wie ich hoffe - demonstriert, daß Weiß mit der ganzen Variante gegen den modernen schwarzen Aufbau ganz gut fährt. Trotzdem ist der letzte Fluch hier wohl noch nicht gemurmelt worden - sonst wäre es ja auch langweilig.


Copyright © 24.03.2003 Thomas Siebe

Hiermit distanziere ich mich ausdrücklich von den Inhalten der Seiten, zu denen die Links auf meinen Seiten führen, weil ich auf diese Inhalte keinen Einfluß habe, u.U. aber dafür verantwortlich gemacht werden könnte, weil ich sie gelinkt habe.

Links Der Schachcookie